Startseite News #14400
Suchmenü ausblenden





Suchmenü einblenden
Zitat:
"Siri Hustvedt hielt die diesjährige Freud-Vorlesung - Über ihre Bezüge zu Psychoanalyse und Neurowissenschaften

Michael Freund sprach mit der amerikanischen Schriftstellerin.

STANDARD: Ms. Hustvedt, Ihr Buch "Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven" geht von der persönlichen Erfahrung eines Zitteranfalls aus und wird zu einem breit angelegten Essay über die verschiedensten Erklärungen, worum es sich dabei handeln könnte.

Hustvedt: Das Buch handelt von verschiedenen Formen, wie man etwas betrachtet. In einem psychiatrischen Rahmen sehen Anfälle anders aus von einer neurologischen Warte oder aus der Sicht eines Traumdeuters.

STANDARD: An einer Stelle schreiben Sie von dem weiten Meer an Unbewussten, "wovon wir nichts wissen, nie etwas wissen werden oder das wir vergessen haben".

Hustvedt: Das glaube ich wirklich. In gewissen Wissenschaftstraditionen gab es einen immensen Widerstand gegen diese Ansicht. Im Behaviorismus konnte man über das Unbewusste nicht sprechen. Das hat die "echte" Wissenschaft lange Zeit beherrscht.

STANDARD: Neben dem Behaviorismus hat aber doch die Psychoanalyse in den USA lange Zeit vorgeherrscht, zumindest in der Psychiatrie.

Hustvedt: Schon. In der amerikanischen Psychiatrie hat die Verschiebung (in Richtung pharmakologische Orientierung) in den Siebzigerjahren begonnen.

STANDARD: Sehen Sie das Buch also auch als eine Verteidigung der Psychoanalyse aufgrund neuer Einsichten?

Hustvedt: Nein, und es ist auch keine Selbstanalyse. Aber Freud wird zur Zeit neu gelesen - ich glaube, Intellektuelle werde ihn in alle Ewigkeit neu lesen -, und es gibt eine Renaissance vor allem des frühen Freud, gerade unter den Neurowissenschaftern. Vor 40 Jahren hätte ich das Buch nicht schreiben können, weil da dieses Verständnis gefehlt hat, diese Suche nach den Korrelaten zwischen Unbewusstem und Verhalten.

STANDARD: Sie erwähnen immer wieder die Doppeldeutigkeit, den Doppelsinn (ambiguity) von Phänomenen und schreiben, dass Sie sie "mit Worten jagen" - wäre das eine mögliche Beschreibung der psychoanalytischen Praxis?

Hustvedt: Ich denke, dass das eine schöne Art ist, es auszudrücken. Ich habe vor kurzem über den Übergang von Gefühl zu Darstellung vorgetragen. Die "Zitternde Frau" endet nicht mit einer Diagnose oder einer Heilung. Vielmehr geht es von Gefühlen aus, die sozusagen niemandem gehören, von einer nervösen Krankheit bis zum Besitz einer eigenen Geschichte [...]"

Das gesamte STANDARD-Interview finden Sie unter dem nachfolgenden Link:
http://derstandard.at/1304551217013/STANDARD-Interview-Vom-w...
Quelle: DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.5.2011